in der Stadt Melle

Kategorie: Sagen-Textform (Seite 1 von 3)

Sagen des Grönegaus als Text

Die Sage von der Hasegabelung

Unsere Sage erzählt, wie die Bifurkation in Melle-Gesmold entstanden ist.

Es lebte vorzeiten ein junger Ritter bei seinem Vater auf der Holter Burg. Einst trabte er hinab durch den Buchenwald und jagte den ganzen Tag im Hasetal, bis er durstig war und nicht mehr weiter konnte.

Aber nahebei rauschte die Krusemühle. Da kehrte er ein und grüßte den Müller: „Meister, gebt mir zu trinken; denn ich komme um vor Durst.“ Der Müller sprach darauf: „Geht in die Küche zu meiner Tochter, der Else.“

Die Else war ein Mädchen so frisch wie eine Blume und so eifrig wie eine Biene im Sonnenschein. Sie brachte sogleich einen Napf mit kalter Milch herbei. Dem müden Ritter aber wurden die Augen wieder hell, doch wusste er lange nicht, warum.

Als er getrunken hatte, ging ihm das Herz auf. Er zog einen Ring hervor und steckte ihn der schönen Else an den Finger. „Willst du meine liebe Braut werden“, sagte er, ,,dann will ich dir treu sein wie das Gold an deiner Hand. „Da kamen der schönen Müllerstochter die Tränen, und beide waren sich zugetan und mussten immer aneinander denken.

Hinter den Felsenmauern in der Holter Burg saß der alte Ritter grimmig auf der Eichenbank. Er sprach: „Niemals werde ich es dulden, dass Else auf die Burg kommt; denn sie ist nur eine Müllerin.“

Festen Sinnes antwortete darauf der junge Ritter: „Was ich Else versprochen habe, will ich getreulich halten auf immerdar.“

Da sprang der Alte wild auf und stürmte ins Tal. Er konnte aber die schöne Else lange nicht finden. Endlich traf er sie am Haseufer bei den Kühen. Erschrocken sah sie den wilden Mann zwischen den Büschen: „Gib mir den Ring zurück, der an deinem Finger blinkt! In die Hase werd‘ ich dich stoßen, wenn du nicht ablässt von meinem Sohn!“

Fester noch hielt Else den Ring an der Hand und sprach: „Die Treue, die ich Herwarth versprochen habe, will ich ihm ewig nicht brechen.“ Da stieß ihr der Unhold den Dolch ins Herz und warf das liebliche Mädchen hinab in die Flut. Das Wasser brauste vor Entrüstung auf, sprang über das Ufer, und seitdem läuft es aus der Hase durch den Grönegau der Weser zu, und es wird Else genannt.

H. Rahe

Das Rüenstück

Mein Jugendfreund -August Kudrup – so erzählte Franz Holtgrave – war der Sohn unsers Heuerlings. Wenn er auf einem der Graswege in der Nähe des Hofes die beiden Kühe hütete, die seine Eltern im Stall hatten, dann trieb ich mich spielend neben ihm her. Er meinte immer noch, dass die Welt gleich hinter dem Ohsener Berg aufhöre. Nein, in diesem Glauben konnte ich ihn nicht belassen. Wenn er weder Zeit noch Lust zum Lesen hatte, dann sollte er von mir erfahren, wie weit die Welt war und was sich früher schon alles zugetragen hatte!

Wusste er etwas von Wittekind? Meine Mutter hatte uns schon einmal von ihm erzählt, doch da hatte August nur halb zugehört. Als ich nun begann, hörte er zwar zu, brachte aber meine ganze Wissenschaft sofort ins Wanken mit der Frage: „Wieviel Pferde hatte er?“

Ich gestand ihm ohne Bedenken zwanzig zu. Bevor ich aber wieder anheben konnte, fragte er unerbittlich weiter nach den Kühen und Schweinen. Sein Sinn war auf das Praktische gerichtet, und weil ich mich bei den Schweinen nicht schnell genug für eine Riesenzahl entscheiden konnte, tat er Wittekind mit der Bemerkung ab: „Ist ja alles gelogen!“ Ganz aufgebracht entgegnete ich ihm: „So, dann ist das auch wohl nicht wahr mit unserm Land hier?“

„Mit welchem Lande?“

„Nun, wie heißt das letzte Stück hier am Wege, da unten vor der Wiese?“

„Das ist doch das Rüenstück!“

„Und warum heißt es so?“

Davon hatte August Kudrup allerdings keine Ahnung, und ich konnte mich wieder in die Brust werfen, denn ich wusste es.

Das war bei der Beerdigung Wittekinds gewesen. Der Herzog hatte vor seinem Tode ausgemacht, ein jeder, der im Leichenzug zu sehen sei, solle ein Stück von dem Stammesland als Eigentum haben. Der Bauer vom Holthof war auch mit zur Beerdigung gegangen, und der Hund, der ihn sonst immer auf der Jagd begleitete, war hinter ihm hergelaufen und in dem langen Leichenzuge bei ihm geblieben. Deshalb hatte der Bauer ein zweites Stück Land bekommen. Und das war das Rüenstück, vor das August inzwischen mit seinen grasenden Kühen gelangt war.

“Nun weißt du auch, warum das Land hier auf der anderen Seite das Königsstück heißt“, erklärte ich ihm triumphierend.

„Das ist wohl das Stück, was der Bauer selbst bekommen hat“, entgegnete er und fragte mich, ob das auch in den Büchern stehe.

Nein, in Büchern war das nicht zu lesen. Aber wahr war es doch, und nun schien die Geschichte auch August Kudrup durchaus glaubhaft.

Dieser Wittekind, das müsse doch ein rechter Kerl gewesen sein, meinte er, weil der nach seinem Tode noch Land verteilen ließ. Heute täte das so leicht kein Bauer mehr.

W. Fredemann

Der Brunnen auf der Ravensburg

Die Ravensburg im Teutoburger Wald hat einen tiefen, tiefen Brunnen, dessen Eimer durch ein großes Tretrad aufgezogen und niedergelassen werden. Ein mühevolles Werk war es, den Schacht des Brunnens durch das Felsgestein zu graben. Der Sage nach haben das zwei Ritter getan, die von dem Grafen von Ravensberg nach langer, blutiger Fehde besiegt worden waren.

In dem dunklen, schaurigen Burgverließ hielt er sie gefangen. Schon hatten sie alle Hoffnung aufgegeben, wieder befreit zu werden, da meldete ihnen der Kerkermeister eines Tages, dass er ihnen kein Wasser mehr zum Trunke reichen könne. Die Quellen an den Abhängen des Berges seien in der Hitze des Sommers versiegt, die Brunnen in der Umgebung ausgetrocknet, und die gräfliche Familie sei selber durch den Wassermangel in große Not gebracht.

Sofort ließen die Gefangenen dem Grafen melden, dass sie bereit seien, mit eigener Hand einen Brunnen auf dem Burghof zu graben, so tief, dass es ihm niemals an Wasser fehlen werde, wenn er ihnen nach vollbrachtem Werke die Freiheit schenke. Der Burgherr willigte ein. Freudig begannen die beiden das saure Werk. Von der Frühe des Morgens bis zum Scheine des Abendsterns, in Frost und Hitze arbeiteten sie sich durch das harte Gestein. Wenn der Schweiß von der Stirn träufelte und die Hände lasch werden wollten, – so hielt sie die Hoffnung aufrecht, und sie verzagten nicht.

Jahre vergingen. Tiefer und tiefer wurde der Brunnenschacht; noch aber zeigte sich von dem Felsenquell keine Spur. Da, an einem lieblichen Frühlingsmorgen wurden sie noch einmal hinabgelassen in den dunklen Schlund. Gewaltige Hammerschläge dröhnten aus der Tiefe, ein lautes Freudengeschrei folgte nach. Das klarste Wasser sprudelte aus dem Felsen hervor und begann den Brunnen zu füllen. Schnell wurden die Ritter wieder emporgezogen. Die Sonne lachte ihnen freundlich entgegen. Im schönsten Frühlingsglanz breitete sich die Welt vor ihren Blicken aus. Die Bande, die immer noch ihre Füße gefesselt hielten, wurden ihnen gelöst. Mit dem Rufe: „Freiheit! Freiheit!“ stürzten sie einander in die Arme und – sanken leblos zu Boden. Das Übermaß der Freude hatte sie getötet.

 Nacherzählt von E. Pohlmann

Die Sage von der Martmühle

Da, wo die Warmenau sich bei Hoyel in einem anmutigen Tal über das Wehr der Martmühle ergießt, machten vor nunmehr 300 Jahren sieben Räuber ihre Rechnung ohne eine einfache Magd.

Die Zeitumstände brachten es mit sich, dass der Martmüller sich mit seinen Gesellen auf den Weg begab, um ein Fuder Korn nach auswärts zu verkaufen. Die Magd musste nun allein das Feuer und den Frieden des Hauses hüten.

Scharf schnitt der Ostwind an diesem kurzen Wintertage, als Lena bei einbrechender Dunkelheit alle Türen der einsamen Mühle verriegelte. Sie dachte: „Die Männer werde ich vor morgen früh kaum mehr zurückerwarten können, sonst wären sie schon wieder zu Hause.“ Die Unruhe ihres Herzens lenkte sie ab, indem sie tapfer mit den gewohnten Abendwerken begann und sie ohne Unterbrechung, wenn auch hastiger als sonst, zu Ende führte.

Von ihrer Suppe genoss sie an diesem Abend nur wenige Löffel, und auch das Nähzeug wollte ihr kein rechtes Vergnügen bereiten. Als sie vom Stundenschlag der alten Uhr zur Nachtruhe gemahnt wurde, gewahrte sie erschrocken, dass ihr noch eine Kuh zu melken blieb, die tags zuvor gekalbt hatte. Mit dem Eimer trat sie aus der niedrigen Stube auf die Diele, ergriff die flackernd brennende Öllampe und wendete sich mit scharrendem Gang dem Stalle zu. Was da? Von draußen wurden Stimmen vernehmbar, und vorsichtige Handgriffe machten sich an der kleinen Hintertür zu schaffen. Sie löschte mit einem Griff in die Flamme das Licht. Gespannt hörte sie es bedeutsam weiterknarren und knistern und hätte vor Angst sterben mögen.

An der kleinen Klappe in der hinteren Wand des Kuhstalls hörte sie es deutlich flüstern: „Dat Maged is ollein in; Kopp doraff, dann sitt et us nich mäh in’n Weärge.“ Der Magd wich das Blut aus den Wangen. Wer konnte sie retten? In ihrer Not griff sie die AXt aus dem Hauklotz, sprang in den Stall und wartete seitwärts hinter der Klappe. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf, doch die Hände am Stiel zitterten nicht mehr.

Da brach die Tür auf; ein Bein stieg ein, ein Kopf beugte sich vor, und die Axt schlug in den Nacken des ersten Räubers. „Wu geht di dat?“ erscholl es von draußen. „Nütte gout“, antwortete die unerschrockene Magd. Der nächste folgte und noch weitere fünfmal schlug die Axt zu in dieser furchtbaren Nacht hier in der Mordmühle, die heute den Namen Martmühle trägt.

Nach Maßmann

Die Burg zu Holte und der Demanttisch

Der Graf von Holte war ein gefürchteter Wegelagerer, der auch öfters Einfälle in das Stift Osnabrück machte. Da verband sich der Bischof Philipp von Osnabrück mit dem Grafen Otto von Ravensburg, um dem Raubritter das Handwerk zu legen. Sie belagerten die Holter Burg, aber diese trotzte allen Angriffen: sie stand sicher auf hoher Bergesspitze. Dreifache Gräben umzogen sie: woran sich senkrechte Felsenwände und künstliche Mauern lehnten und eine unersteigliche Wehr bildeten.

Sieben Jahre hatte die Belagerung schon gedauert, und die Verbündeten ließen alle Hoffnung fahren, die Burg jemals einzunehmen. Da kam eines Tages eine Frau ins Lager und bot Butter zum Verkauf an. Sie forderte aber einen so hohen Preis, dass man sie ihr nicht abkaufte. Da sagte die Frau, sie wolle ihre Ware schon los werden, und ging nach der Burg zu. Dies fiel den Belagerern auf, man folgte ihr heimlich und sah sie durch eine versteckte Tür in einem Felsengang verschwinden, der zur Burg hinaufführte. Eiligst rotteten sich nun die Tapfersten zusammen und stiegen durch den verborgenen Gang in den inneren Burghof. Ehe sich der Graf versah, war er von Feinden umgeben. Er setzte sich zur Wehr, musste aber seinen Widerstand doch aufgeben.

Er raffte alle seine Schätze zusammen, warf sie in den tiefen Burgbrunnen und rief: „Dies für den Teufel!“ damit sie den Feinden nicht in die Hände fallen sollten. Es befand sich auch ein überaus kostbarer Tisch darunter, dessen Platte aus einem einzigen Demant bestand. Die Burg wurde zerstört und der Brunnen verschüttet.

Jahre schwanden dahin. Die Stelle, wo früher die Burg gestanden, lag jetzt öde und verlassen; aber die Sage von den verborgenen Schätzen pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort, und mancher Versuch wurde gemacht, sie zu heben. Doch vergebens, der Teufel hütete vorsichtig das ihm geweihte Gut.

Da entdeckte eine weise Frau den Spruch, mit dem man den Bösen bannen und die Schätze heben konnte. Sie gewann mehrere Männer für ihren Plan und versprach ihnen einen großen Anteil an dem Schatze. Nach mancherlei Vorbereitungen begaben sie sich in einer dunklen Nacht auf den Burgplatz. Dort befahl die weise Frau den Männern auf das strengste, während der ganzen Zeit kein Wort zu reden, sonst würde das Unternehmen misslingen. An langen Seilen ließen sie nun eiserne Haken in den Brunnen hinab, Diese klammerten sich bald an einem Kasten fest. Langsam und vorsichtig zogen die Männer an, und höher und höher hob sich der Schatz. Zitternd und bebend vor Spannung und Aufregung stand jeder mit geschlossenem Munde da, kein Laut war vernehmbar. Schon berührte der Kasten die Brustwehr des Brunnens, schon streckten sich die Hände aus, um ihn zu fassen – da sprang plötzlich der Deckel des Kastens auf, und ein strahlender Glanz blendete den Umstehenden die Augen. Sie hatten wahrhaftig die Demantplatte des Tisches gesehen. Vor Staunen rief einer der Männer: „Jesus, Maria!“ In demselben Augenblick stürzte der Schatz mit Donnergepolter in die Tiefe zurück. Die weise Frau lag erschlagen am Boden, und mit ihr ging der geheimnisvolle Spruch für immer verloren.

Nach Wrasmann

Der tolle Herr

 Auf dem Schlosse Gesmold wohnte vor langen Zeiten ein Herr, der auch in seiner besten Haut nicht taugte. Keinem Menschen gab er ein gutes Wort. Wer ihm entgegenkam, erhielt Schläge mit der Hundepeitsche. Wie ein schwarzes Gewitter guckte er drein und verzog keine Miene zum Lachen. Die Kinder hatten vor ihm Angst. Wenn sie nicht stille sein wollten, rief die Großmutter: „Der tolle Herr kommt!“ Gleich flohen sie in die Ecke und rührten sich nicht.

Der tolle Herr fuhr zu jeder Zeit mit vier schwarzen Hengsten ins Land. Wenn er die Zügel in die Faust nahm, schrie er: „In drei Teufels Namen!“ Der Bauer auf dem Felde und der Bote auf der Straße segneten sich, wenn er vorbeisauste.

Einmal war in Gesmold ein großer Brand. Der Wind drehte sich und trieb die Funken über alle Häuser rund um die Femlinde. Auch die alte Kirche stand in großer Gefahr. Die Flammen schlugen über das Dach, und feurige Zungen beleckten den Turm. An Löschen dachte niemand. Jeder hatte genug an seiner eigenen Not. Da donnerte es vom Schlosse her über die Brücke. Mit seinen vier schwarzen Hengsten kam der tolle Herr und jagte über die Mauer, die rund um den Kirchhof lief. Er stand in seinem Wagen; das schwarze Haar wehte ihm um die Stirn, und die grimmigen Augen glühten. Er rief: „Lasst alles in drei Teufels Namen brennen! Bewacht nur den Tempel hier!“ Mit einem Schlage erlosch das Feuer, als wenn man ein Licht auspustet. – Die Leute wussten nun aber, mit wem es der tolle Herr zu tun hatte, und sie liefen ihm nun erst recht aus dem Wege.

Auf dem Schlosse ging es seit der Zeit her wie in einem Hexenkeller. Am Tage herrschte Totenstille, nachts aber waren alle Fenster erleuchtet. Baßgeige, Violine und Trommel musizierten. Hinter den Fenstern tanzten dunkle Schatten, doch wusste niemand, was für Leute es waren und woher sie kamen. Die Eulen hockten auf der Schlossmauer und lauschten. Wenn sie aber schauerlich jaulten, sagten die Leute: „Nun wird wieder einer lebendig eingemauert. Man erzählte sich, in der hohen Schlossmauer säßen die Leichen Reihe an Reihe, die armen Menschen müssten darin verhungern.

An einem grauen Herbsttag  jagte der tolle Herr vom Schloss aus über Oldendorf in die Berge. Wo er gewesen ist, weiß man nicht. Es war spät in der Nacht, als er zurückkam. Vor der Wullbergsheide sagte er zu seinem Kutscher: „Steig ab!“ Der gab ihm die Zügel, und als er absprang, fiel er mit dem Gesicht in den Moorgraben. Er rieb sich die Augen und sah das Gefährt quer durchs Bruch sausen. Drei Irrlichter tanzten voran.

Der tolle Herr stand aufrecht in seinem Wagen und lachte so schauerlich, dass es dem Kutscher kalt über den Rücken lief. „In drei Teufels Namen“, hörte er ihn fluchen. Die vier Hengste sprangen hoch, und dann war es auf einmal totenstill. In demselben Augenblick schlug auf dem Schlosse die Uhr zwölf. Die Irrlichter verglühten im ,,Bucksdiek“. Dort war der tolle Herr mit seinen schwarzen Hengsten zugrunde gegangen.

Wenn aber die rauhen Nächte sind, wenn der Sturm in den Eichenwipfeln heult und der Kauz im Wullberg schreit, dann steigt das Gespann aus dem „Bucksdiek“. Die Hengste schütteln sich das Wasser aus den schwarzen Mähnen, der tolle Herr knallt mit einer glühenden Peitsche und ruft: „In des Teufels Namen!“ Dann geht es im Geistergalopp oben über die Mauern des Gesmolder Kirchhofs und hinein ins Schloss. Einer, der es mit eigenen Augen ansah, ist davon wahnsinnig geworden.

Nach Schulhof

Der Unglücksring von Overkamp

In Küingdorf stand einst die stolze Wasserburg Overkamp, von deren Größe heute nur noch einige Gräben und Mauerreste zeugen. Vor Jahrhunderten lebte auf dieser Burg die Witwe des Ritters von Beesten. Sie besaß einen kostbaren Siegelring, den sie ständig am Finger trug, weil er jedermann gefiel. Die alte Amme, von der sie aufgezogen worden war, hatte ihr von dem Ring mit dem Wappen ihres Geschlechtes erzählt, dass er seinem Besitzer nicht immer Glück, sondern manchmal auch Unglück gebracht habe. Zum Unglück sei er ihren Vorfahren geworden, wenn einer von ihnen sein Herz gar zu sehr an den Ring und andere irdische Güter gehängt habe. Die junge Frau, die leichten Sinnes war, hatte darüber gelacht. Ihr erschien das Leben glücklich, das sie mit ihrem Mann, dem wilden Ritter von Beesten geführt hatte. Und als er beim Würfelspiel, das sie ebenso liebte wie er selbst, tot umsank, ließ sie sich das nicht zur Warnung dienen. Sobald die Trauerzeit um war, fuhr sie wieder zu Fest und Spiel von Burg zu Burg. Und der Spielteufel bekam sie so in seine Gewalt, dass sie Hab und Gut zu verspielen begann. Ihr treuer Verwalter, ein Sohn der alten Amme, sah es mit großer Sorge. Schließlich nahm er sich das Herz und stellte ihr in ehrerbietigen Worten vor, dass sie sich und ihre kleine Tochter um Haus und Hof bringe, wenn sie ihr Leben nicht ändere.

“Es liegt nicht daran, dass ich mich des Lebens freue“, sagte die Rittersfrau und zog den Wappenring vom Finger. „Mir ist klar geworden, dass der Ring meinem Glück entgegensteht. Er hat mir den Mann genommen und bringt mir auch im Spiel Unglück. Aber so wahr es ist, dass ich ihn nie wiedersehen werde, so wahr wird mir jetzt das Glück treu sein.“ Damit trat sie an das Fenster und warf den Ring in das tiefe Wasser des Schlossgrabens.

Der Verwalter war darüber tief erschrocken. Es schien aber, als solle die Frau mit ihrer Voraussage Recht behalten: denn während der nächsten Wochen verlor sie nicht im Spiel. Und die Frau dachte kaum noch an den Ring auf dem morastigen Grunde des Schlossgrabens. An einem Freitag während der Fasten wurde in der Küche ein Karpfen zugerichtet, den der Verwalter gefangen hatte. Im Schlund des Fisches fand die Magd den Siegelring. Der Verwalter, der neben ihr stand, brachte ihn sogleich zu der Rittersfrau.

„Ihr wolltet ihn niemals wiedersehen, Herrin“, sagte er. „Doch der Fisch, den ich für Euch fing, brachte ihn in die Burg zurück. Und ich will ein ehrlicher Mann bleiben. Deshalb muss ich Euch den Ring zurückgeben. Aber ich bitte Euch nochmals: Lasst ab vom Spiel!“

Die Frau nahm den Ring in die Hand und betrachtete ihn lange, bevor sie sagte: „Er soll mir aus den Augen! Wenn er nicht im Burggraben bleiben will, dann setze ich ihn heute abend im Spiel und will ihn verlieren.“

Vergeblich beschwor der Verwalter seine Herrin, nicht mit dem Schicksal zu spielen. In der Nacht verlor die Rittersfrau nicht nur den Wappenring, sondern auch allen Besitz ihres Geschlechtes.

Die Burg erhielt einen neuen Besitzer, der sein eigenes Schloss auf Brinke besaß und die Burg Overkamp verfallen ließ. Die leichtsinnige Witwe des wilden Ritters von Beesten aber lebte noch viele Jahre als arme Frau in einem Kotten auf dem Hofe des Bauern Harre.

W. Fredemnnn.

Die Sage von der Auburg

 In der Bauerschaft Peingdorf liegen zwischen der Hase- und der Aubrücke nahe der Straße von Wellingholzhausen nach Borgloh die Ruinen der Auburg. Man erkennt ein einfaches Wohnhaus, die Reste des alten Burgtores und Spuren der früheren Außengäben. Sie lassen ahnen, welchen bedeutenden Umfang diese Wasserburg vormals gehabt hat. Die Geschichte weiß wenig von ihr zu erzählen; die Sage aber berichtet über sie in den lebhaftesten Farben:

Im 13. Jahrhundert saß auf der Auburg ein mächtiges Rittergeschlecht. Es war reich an Land und Leuten. Der Burgherr verbrachte sein Leben mit prunkvollen Festen, mit ausgelassenen Gelagen und mit lustigen Jagden in der waldreichen Berggegend. Immer wieder bewirtete er eine große Zahl von Gästen in seinem Hause.

Weil er aber von rohem und prahlerischem Wesen war, geriet er mit seinen adeligen Nachbarn oft in Streit. Aus den blutigen Fehden ging er fast immer als Sieger hervor.

Das schwelgerische Leben und die andauernden Kämpfe zehrten die Reichtümer des Ritters bald auf. Auch die hohen Abgaben, die er von den hörigen Bauern erpresste, reichten nicht aus, um die Verarmung des Geschlechtes abzuwenden. Da wurde der Auburger ein Raubritter. Er machte die ganze Umgegend bis Münster, Bielefeld, Herford, Osnabrück und Bremen unsicher.

Einst kehrte er im Märzmonate von einem Raubzuge heim, den er bis vor die Tore Münsters ausgedehnt hatte. Reiche Beute war ihm in die Hände gefallen. Auf der Auburg veranstaltete er nun mit seinen Kumpanen ein wüstes Gelage. Da trat ein Knappe in den Saal. Er teilte dem Auburger mit, der Ritter Rembert von Hoyel sei mit wenigen Mannen auf dem Grönenberg bei Melle eingekehrt. Er wolle am andern Morgen nach Iburg weiterziehen.

Zwischen Rembert und dem Auburger bestand eine alte Feindschaft. Beide hatten sich in der Jugend um die schöne Adela von Hege beworben. Diese hatte den edlen Rembert zum Gemahl erwählt. Er war freilich nur ein Dienstmann, zeichnete sich aber durch einen ritterlich frommen Sinn aus und war überdies ein Meister im Gesang und im Saitenspiel. Er verachtete das Räuberleben vieler Ritter der damaligen Zeit und half den Armen und Unterdrückten, wo er nur konnte.

Der Auburger sah ihn seitdem als seinen Widersacher an und trachtete ihm beständig nach dem Leben. Rembert verhielt sich klug und hatte bisher alle Angriffe mit Tapferkeit abgeschlagen. Als er jetzt in der Morgenfrühe vom Grönenberg nach Iburg zog und durch den Ausberger Pass dem Königsbach zuritt, erscholl plötzlich hinter und vor ihm Kampfgeschrei. Der Auburger griff ihn mit großer Übermacht an. Tapfer wehrten sich die Überfallenen, jedoch der Feinde Zahl war zu groß. Rembert geriet mit dreien seiner Söhne – alle mit blutigen Wunden – in Gefangenschaft, nur der jüngste entkam mit seinem Knappen.

Der Auburger zog mit den Gefangenen nach seinem Raubsitz. Hier ließ er die drei verwundeten Söhne am Tore aufhängen und dann dem unglücklichen Vater mit einem Stahl die Augen blenden. Einen furchtbaren Fluch sprach der Blinde über den Auburger aus, bevor er in der Tiefe des unheimlichen Kerkers verschwand. Schon bald sollte das Blut seiner hingemordeten Söhne gerächt werden.

Graf Simon von der Lippe war nämlich der mächtige Lehnsherr Remberts. Als er und der Bischof von Osnabrück Kunde von der letzten Schandtat des Auburgers erhielten, sandten sie eine große Zahl Reisige aus, um den Straßenräuber zu züchtigen. Der hervorragendste Held unter ihnen war Alhard von Vincke, der Droste des Grönegaus.

Die Auburg wurde belagert. Man war entschlossen, nicht eher zu weichen, bis sie erobert und der Raubritter unschädlich gemacht war. Dieser gab sich nicht verloren und verlachte die Belagerer. Durch die letzten Beutezüge hatte er nämlich die Burg reichlich mit Vorräten versorgt. Überdies konnte er sie durch einen unterirdischen Gang jederzeit mit neuen Nahrungsmitteln füllen. So sehr die Reisigen auch nach dem Gang suchten, sie fanden ihn nicht, und einen ganzen Monat schon hatte die Belagerung gedauert. Da kam die Karwoche heran. Der Gottesfrieden wurde ausgerufen, und die Waffen mussten ruhen.

Am Karfreitag verließ Dirk Lüning aus Peingdorf den ärmlichen Hof seines Vaters. Er begab sich auf Alfermanns Heide, wo damals noch ein Sumpf war, um Kiebitzeier zu suchen. Da hörte er Waffengetöse auf sich zukommen. Erschreckt verbarg sich Dirk hinter einen dichten Busch. Er traute kaum seinen Augen. Nicht weit von ihm öffnete sich die Erde. Eine mit Moos bewachsene Steinplatte schob sich zur Seite, und ein unterirdischer Gang wurde sichtbar. Da, ein bewaffneter Mann stieg heraus, und eine ganze Reihe Kriegsleute folgte. Sie kamen aus der Auburg und wollten über die ahnungslosen Belagerer herfallen, die wegen des Gottesfriedens die Waffen abgelegt hatten.

Dirk eilte zu Alhard von Vincke. Kaum hatte dieser Zeit, seine Streiter zum Kampfe zu rufen, als die Auburger schon heranstürmten. Die Überfallenen entbrannten in Wut; denn nicht einmal der Gottesfrieden war den Auburgern heilig gewesen. Laut hallte das Kampfgetöse durch den Wald, der Überfall wurde abgeschlagen, und die Erstürmung der Raubritterburg konnte beginnen. Die Bauern eilten in großen Scharen herbei, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Der Angriff wurde auf den Osterdienstag festgesetzt.

Mit Tagesanbruch entspann sich um die Auburg ein furchtbarer Kampf. Dirk Lüning führte den Ritter Todrank von Kilver mit mehreren tapferen Genossen durch den geheimen Gang in die Burg. Wahres Entsetzen fasste die Überraschten, sie fielen unter den Streichen Todranks und seiner Leute. Auch acht Söhne des Burgherrn deckten den Kampfplatz. Eine stürzende Mauer erschlug die Herrin und ihre beiden Töchter. Vergebens suchte man in den Winkeln und Verstecken des Raubnestes den Unhold, der den Frieden des Landes gebrochen hatte. Er allein war entkommen. Seine Burg aber ging in Flammen auf, die Ländereien wurden geteilt. Dirk Lüning war der Held des Tages, er bekam Ostmeiers Hof zur Belohnung.

Der blinde Rembert wurde im Triumphe aus dem Kerker befreit. Still lebte er mit seiner Gemahlin Adela und seinem geretteten Sohne auf dem Gute Warmenau. Nur den Bischof von Osnabrück besuchte er alle Jahre in Iburg auf einige Zeit.

Zwei Jahre nach der Zerstörung der Auburg brachte ein Mönch aus dem Kloster Marienfeld zum Bischof die Nachricht, ein Bettler habe krank und schwach an der Klosterpforte um Aufnahme gebeten, ohne seinen Namen zu nennen. Als es mit ihm zu Ende gegangen sei, habe er sterbend ausgerufen: „0 Rembert, dein Fluch!“ Jetzt wusste man Bescheid. Kein anderer, als der letzte Burgherr der Auburg, war der Bettler gewesen.

Nach Blume

Rosemanns Klause

Im Dreißigjährigen Kriege wurde der Rosemann’sche Hof in Kerßenbrock mehrfach zerstört, ausgeraubt und dem Erdboden gleich gemacht. Rosemann floh mit seiner Familie in die Holzungen des Teutoburger Waldes und hauste wie andere Bauern der Gegend in einer Höhle. Dort aber mangelte es an allem; denn die geringen Vorräte an Fleisch und Korn gingen zur Neige, und auch sonst fehlte hier manches, was man auf dem Hofe reichlich besessen hatte.

An einem nebligen Morgen verließ Rosemann deshalb sein Versteck und schlich, nur mit einer Keule und mit Gottvertrauen bewaffnet, durch Busch und Braken auf seinen Hof. Plötzlich sah er sich in der Trümmerstätte einem schwedischen Landsknecht gegenüber. Der Reiter zog das Schwert, während Rosemann mit der Keule dreinschlug. Die beiden Widersacher schenkten sich nichts. Immer wieder stürmte der Zornentbrannte Bauer trotz schwerer Verwundungen auf den Landsknecht ein. Seine derben Fäuste schwangen die Keule mit Kraft und Ausdauer, bis der Räuber erschlagen zu Boden sank.

Inzwischen hatte sich aber das Pferd des Reiters davongemacht. Es gelangte mit leerem Sattel zur Truppe zurück, die in der Gegend des Beutlingsberges ihr Standquartier hatte. Sogleich setzte sich eine Reiterabteilung in Trab, der es gelang, Rosemann einzufangen. Mit Stricken gebunden, brachte man ihn in das schwedische Lager. Hier galt die Anweisung, alle Leute zu füsilieren, die sich gegen Soldaten zur Wehr setzten. Die Hinrichtung sollte aber öffentlich im Hauptquartier des Obristen zu Telgte auf dem Marktplatze erfolgen.

Man band dort den zum Tode verurteilten Bauer an ein Wagenrad und stellte eine Wache von zwei Soldaten daneben. Es war aber gerade am Heiligen Abend, da dieses geschah. Während der kalten Winternacht tranken und lärmten die Landsknechte. Sie gerieten in Streit, zogen das

Messer und drangen aufeinander ein, da sie viel getrunken hatten und die Köpfe erhitzt waren. Berauscht und vom Kampfe ermüdet, achteten die Schweden nicht mehr auf den verurteilten Bauer.

Dieser zog mit dem Fuße ein Messer auf dem Pflaster nahe an sich heran und gelobte: „Herrgott, wenn du mich rettest, will ich dir aus Dankbarkeit eine Kapelle erbauen“ Und es gelang. Die zerschnittenen Fesseln fielen. Rosemann konnte entfliehen und kam glücklich zu seinem Versteck im Walde zurück. Er erfüllte, als der Friede einzog, sein Gelübde und erbaute auf seinem Hofe neben dem Wohnhause eine Klause, die seit Jahrzehnten umgebaut ist und ihren Platz an der Straße hat. In der Weihnacht leuchten dort Jahr um Jahr einige Kerzen in die Stille der Heiligen Nacht.

Nach Windus

Das Gnadenbild in Döhren bei Riemsloh

Eine Stunde südöstlich von Riemsloh liegt an der Warmenau das Grenzdorf Wallenbrück. Es war vor der Reformation ein berühmter Wallfahrtsort. Auch der Name weist darauf hin. Die Gläubigen aus dem Ravensberger, dem Osnabrücker und dem Paderborner Lande pilgerten damals in Scharen zum ,,Gnadenbilde der schmerzhaften Mutter an der Brücke“.

Nachdem nun die Wallenbrücker sich der neuen Lehre zugewandt hatten, wollten sie das Standbild aus ihrer Kirche entfernen und vernichten. Das hörte der Kolon Wilken in Döhren. Er schickte sofort seine beiden Kötter dorthin, um es für die Zukunft zu retten.

Einer von ihnen war mit dem Wallenbrücker Küster bekannt. Er unterhielt sich abends beim Kleppen vorne im Turme mit ihm, während der andere das Gnadenbild in einen Sack verschwinden ließ und mit ihm durch eine Hintertür der Kirche entfloh.

Sie brachten es Wilken, der es bis zum Eintritt ruhigerer Zeiten in einem Versteck treu bewahrte. Später stellte er es am Wege vor seinem Hofe in einem „Heiligenhäuschen“ auf. Dort hat es eine Reihe von Jahren gestanden, bis es in neuerer Zeit auf dem Wilkenschen Hofe seinen Platz erhielt. Altertumsfreunde suchen es dann und wann auf, aber als Gnadenbild ist es vergessen.

 Nach Wüstefeld.

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